Maria die Mutter des Jesus von Nazareth
von agnus d. / anno domini 2008
Maria von Nazareth
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ÜBERSICHT
Nachfolgend werden die sich mit Namensnennung direkt auf Maria beziehenden Bibelverse wiedergegeben. Angefangen bei Matthäus, dann bei Markus sowie Lukas bis zu Johannes. Während nun Matthäus und Lukas ein wenig mehr über Maria berichten, nimmt sich dagegen Markus bescheiden aus. Und bei Johannes gar kommt Maria fast überhaupt nicht vor. Es ist gerade die Unterschiedlichkeit der Gewichtung einzelner Themenbereiche, was alle Evangelisten als Filterer bzw. individuelle Schreiber kennzeichnet. Indem bei Johannes die Mutter von Jesus so gut wie nicht vorkommt, werden die anderen drei die Maria erwähnenden Evangelisten als so genannte Synoptiker bezeichnet.
Mt 1,16 Jakob zeugte den Joseph, den Mann der Maria, von welcher geboren ist Jesus, der genannt wird Christus. Mt 1,18 Die Geburt Jesu Christi aber war also: Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, noch ehe sie beide denn zusammenkamen, erfand es sich, dass sie ihn empfangen hatte vom heiligen Geist. Mt 1,20 Während er aber solches im Sinne hatte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum, der sprach: Joseph, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen; denn was in ihr erzeugt ist, das ist vom heiligen Geist. Mt 2,11 und gingen in das Haus hinein und fanden das Kindlein samt Maria, seiner Mutter. Und sie fielen nieder, beteten es an, taten ihre Schätze auf und brachten ihm Gaben, Gold, Weihrauch und Myrrhen. Mt 13,55 Ist dieser nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus und Joses und Simon und Judas? Mt 27,56 unter ihnen waren Maria Magdalena, und Maria, die Mutter des Jakobus und Joses, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. Mt 27,61 Es waren aber daselbst Maria Magdalena und die andere Maria, die saßen dem Grabe gegenüber. Mt 28,1 Nach dem Sabbat aber, als der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um das Grab zu besehen.
Mk 6,3 Ist er nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria, der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind nicht seine Schwestern hier bei uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. Mk 15,40 Es sahen aber auch Frauen von ferne zu, unter ihnen auch Maria Magdalena und Maria, des jüngern Jakobus und Joses Mutter, und Salome, Mk 15,47 Maria Magdalena aber und Maria, Joses' Mutter, sahen zu, wo er hingelegt wurde. Mk 16,1 Und als der Sabbat vorüber war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezereien, um hinzugehen und ihn zu salben.
Lk 1,27 zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Manne namens Joseph, vom Hause Davids; und der Name der Jungfrau war Maria. Lk 1,30 Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Lk 1,34 Maria aber sprach zu dem Engel: Wie kann das sein, da ich keinen Mann kenne? Lk 1,38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Wort! Und der Engel schied von ihr. Lk 1,39 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und reiste eilends in das Gebirge, in eine Stadt in Juda, Lk 1,46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, Lk 1,56 Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate und kehrte wieder nach Hause zurück. Lk 2,5 um sich schätzen zu lassen mit Maria, seiner Verlobten, die schwanger war. Lk 2,16 Und sie gingen eilends und fanden Maria und Joseph, dazu das Kindlein in der Krippe liegend. Lk 2,19 Maria aber behielt alle diese Worte und überdachte sie in ihrem Herzen. Lk 2,34 Und Simeon segnete sie, und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Auferstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird -
Joh 19,25 Es standen aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, des Klopas Frau, und Maria Magdalena.Wie man an den vorstehenden Texten unschwer erkennen kann, wird über Maria nicht all zu viel berichtet. Sie ist den Schreibern offensichtlich nur insofern wichtig, um der Einmaligkeit ihres Sohnes Jesu entsprechend ihm einen würdigen Herkunftsrahmen zu geben. Im Lichte von Jesus soll sodann auch seine ihn geboren habende Mutter sichtbar sein. Ihr Ehemann Josef dagegen tritt in den Evangelien lediglich als eine ferne Randfigur in Erscheinung. Ohne die Zeugung von Jesus beschränkt sich dessen Geschichtlichkeit auf eine bloße Ziehvaterschaft. Immerhin aber war er auch der leibliche Vater aller Brüder und Schwestern Jesu. Und auch diese sind in den Evangelien nur am Rande erwähnt. Das dürfte dann wohl auch der Grund dafür gewesen sein, dass bei den später in den Urgemeinden aufkommenden Fragen nach Jesu Familienverhältnissen sich alles auf seine Mutter Maria konzentriert hatte. Ein nicht ganz unerheblicher Gesichtspunkt war dabei auch das Bedürfnis nach einer Geschlechterbalance. In einer ohnehin schon männlich beherrschten Gesellschaft sollte bei den glaubenden Frauen in den Gemeinden im Hinblick auf den übermächtigen göttlichen Sohn und Vater dann auch der zugehörigen Weiblichkeit Rechnung getragen sein. Jedenfalls lässt Marias Fehlen bei Johannes diesen Schluss zu. In der späteren Kirche fand die Würdigung der Rolle der Frau in der Marienverehrung statt, was dann sogar durch Konzilbeschluss zum Dogma einer Himmelfahrt von Maria führte. Das wird alle Frauen freuen, entspricht aber nicht den biblisch überlieferten Tatsachen.
Die ganze Theologie eines Themas beruht darauf, dass man die zugehörigen Bibelverse hernimmt, und sie gedanklich durchspielt. Dabei ergeben sich gegebenenfalls Ergänzungsnotwendigkeiten und Interpretationen bzw. Auslegungen des Überlieferten nebst verknüpfenden Schlussfolgerungen. Auch tun sich dann meistens noch Zusammenhänge zu anderen Inhalten von Texten auf, was zu weiteren Schlussfolgerungen führt. Auf diese Weise kann mithin aus relativ spärlichem Ausgangsmaterial sehr schnell eine umfangreiche jedoch zu weiten Teilen spekulative (Re-)Konstruktion werden. Wenn dann noch die Urtexte bereits schon legendenhaft sind, kann man sich sehr leicht ausrechnen, welchen Wert eine solche theologische Exkursion haben muss. Nichtsdestotrotz wollen wir hier einmal mit den Ausführungen Karl Rahners zeigen, was systematische katholische Theologie bei dürftigen Bibelversen - wie im Fall der Maria - alles zu leisten vermag:
Karl Rahner: Maria ist die jungfräuliche Mutter Jesu Christi. Im freien, ihr von Gottes Gnade geschenkten Jawort ihres Glaubens hat sie den Sohn Gottes empfangen und ihm aus ihrem Schoß jenes Dasein geschenkt, durch das er Glied des einen Menschengeschlechtes und so sein Erlöser werden konnte (Mt l, 18-23; Lk l, 26-38). Infolge der hypostatischen Union des Sohnes Gottes mit der menschlichen, aus Maria empfangenen Natur, ist Maria „die Mutter des Herrn" (Lk l, 43), ist sie die „Gottesgebärerin" (D lila 113; / Gottesmutterschaft). Somit ist die Handlung Marias ein zentrales Ereignis der Heilsgeschichte.
1. Diese Tat wird vom Menschen Maria als Empfang der ankommenden Gnade Gottes getan in echter Partnerschaft mit dem am Menschen handelnden Gott und im Namen des ganzen Menschengeschlechts. Obgleich Maria von der neueren Theologie / Corredemptrix (vgl. D 1978a Anmerkung) genannt wird, ist gleichzeitig deutlich, dass diese ihre Funktion von qualitativ anderer Art ist als die des gottmenschlichen / Mittlers und Erlösers. Indem die Schrift (Jo 19, 25-27) Maria zeigt als das Weib schlechthin (die zweite Eva und die Mutter der Erlösten) unter dem Kreuz, jenem Baum der Erlösung, ist erkennbar, dass die Funktion der Heilsempfängnis, welche ihr als Mutter Jesu eignet, von ihr durchgetragen wurde durch ihr ganzes Leben, bis zur „Stunde" der Erlösung (Jo 2, 4). Heilsgeschichtlicher Auftrag (Gottesmutterschaft) und persönliche Heiligkeit (Seligkeit des Glaubens) bedingen und entsprechen sich gegenseitig. Wegen dieser ihrer zentralen Stellung in der Heilsgeschichte (als sie selbst heiligende „Empfängnis" des Heiles schlechthin für alle) ist Maria für das Glaubensbewusstsein der katholischen Kirche der absolute, radikale Fall der Erlösung des Menschen, die in vollkommenster Weise Erlöste und deswegen der Urtyp des Erlösten und der Kirche überhaupt, eingeschlossen in dem Willen Gottes zu der erlösenden und als solcher siegreichen Menschwerdung des Wortes Gottes.
2. Darum ist Maria von der Erbschuld (/ Erbsünde) bewahrt (DGL: D 1641), indem sie, obzwar Glied der Geschlechts- und Schuldgemeinschaft Adams, wegen ihres außerordentlichen Einbegriffenseins in den Willen Gottes zur Erlösung durch die „vorausgesehenen Verdienste Christi" vom Anfang ihres Daseins an (/ Unbefleckte Empfängnis) die heiligende Gnade besaß (D 1100). Aus demselben Grund ist sie stets sündenlos (D 833) und der Begierlichkeit (/ Begierde) nicht unterworfen (D 792). Dass sie den Sohn Gottes ohne Zutun des Mannes empfing, ist ausdrücklich in der Schrift bezeugt (Jungfräulichkeit vor der Geburt; Mt l, 18ff; Lk l, 34 bis 35; D 282 993; /Jungfrauengeburt). Durch dieses vaterlose und doch einer Mutter entstammende Werden ihres Sohnes tritt greifbar in Erscheinung, dass mit ihm der radikale Neuanfang des Heiles gesetzt und nicht die schuldverstrickte Geschichte der Menschheit fortgesetzt wird, aber doch diese selbst in das Neue hinein erlöst wird. In dem Sinn und Umfang, dass das Verletzende und Leidvolle der Geburt nach Gn 3, 16 Erscheinung der Herrschaft der Sünde ist, ist Marias Gebären davon ausgenommen (Jungfräulichkeit in der Geburt; D 993). Wegen der restlosen Übereignetheit ihres ganzen Seins und Lebens an den einzigen Dienst Gottes und Christi (vgl. l Kor 7, 34), und zwar in der Öffentlichkeit der Heilsgeschichte und der Kirche, die von Maria repräsentiert wird, weiß die katholische Kirche Maria als immer (nach der Geburt; D 734 993) jungfräulich (/ Brüder Jesu).
3. Weil die Heilsgeschichte schon so fortgeschritten ist in ihre endgültige Phase des Beginnes der Verklärung auch der materiellen Welt (durch die / Auferstehung Jesu; vgl. auch Mt 27, 52f), darum bekennt die kath. Kirche, dass Maria als die vollkommene Erlöste schon jetzt mit Leib und Seele ihre Vollendung gefunden hat (/t Aufnahme Marias, D 2333). Insofern diejenigen, welche das Heil erlangt haben durch die Endgültigkeit ihres vollendeten Lebens, bei Gott für die Gemeinschaft der Heiligen auf Erden eintreten, wird Maria wegen ihrer einmaligen Stellung in der Geschichte des Heils als /t Mediatrix, die „Vermittlerin aller Gnaden" (D 1940 a 1978 a) verehrt, freilich nicht wie Christus von erwirkender, sondern vielmehr von dienstbar erbittender und empfangender Art. Die Kirche hat dazu dogmatisch noch nicht Stellung genommen.
4. Aus dem Leben Marias ist wenig bekannt. Was darüber außerhalb der spärlichen Notizen der Schrift (vgl. Lk 1-2; Mt 1-2; Jo 2, 1-11; Mk 3, 31-35; Jo 19, 25-27; Apg l, 14) berichtet wird, ist legendär. Die meisten Angaben über Maria verdanken wir Lk l, 26-38. Ihre Abstammung aus dem Hause Davids steht nur fest, wenn die Worte „verlobt mit einem Mann namens Josef" in Lk l, 27 nicht zur ursprünglichen Quelle gehören (P. Gaechter). Die Würde Marias blieb ihrem Volke verborgen, zumal sich ihr Leben dank ihrer legitimen Ehe mit Josef nach den jüdischen Gesetzen und Sitten abspielte. Maria teilt auch das religiöse Leben der Frommen ihres Volkes (Darstellung und Beschneidung des Kindes, Tempelwallfahrt). Sie lebt ein Leben der Arbeit und Armut sowie der willigen Entgegennahme der undurchschaubaren Verfügungen Gottes. Während des öffentlichen Lebens Jesu bewahrt sie nach Jesu Willen eine Haltung, die zeigt, dass nicht ihre bloße leibliche Mutterschaft als solche, sondern die glaubende Erfüllung des Willens Gottes (auch in dieser Mutterschaft) das Entscheidende ist. Sie tritt zurück, um in der entscheidenden Stunde des Herrn unter seinem Kreuz zu stehen. Sie ist betend in der Gemeinde der Jünger nach Christi Weggang. Über die Umstände ihres Todes ist historisch uns nichts bekannt. Jedoch kann (entgegen neuerer Bestreitung durch einzelne kath. Theologen) nicht daran gezweifelt werden, dass sie gestorben ist in der echten Vollendung ihrer irdischen, das Los aller Menschen mittragenden Existenz in der Nachfolge des Sterbens ihres Sohnes, da sie nicht die paradiesische Herrlichkeit, sondern den vollendeten Sieg der Gnade Christi in der Schwachheit des Fleisches darstellen sollte.
5. Maria ist entsprechend der christlichen Möglichkeit der Heiligenverehrung überhaupt und ihrer einzigartigen Stellung in der Heilsgeschichte und in der Gemeinschaft der Heiligen "selig zu preisen von allen Geschlechtern" (Lk 1,48), weil im Preis der Tat Gottes an ihr in einzigartiger Weise der Preis des einen und umfassenden Großen geschieht, das Gott an der Menschheit überhaupt getan hat. Als Muster Gottes kommt Maria besondere religiöse Verehrung zu, welche mit Anbetung nichts zu tun hat.
Nach unserer hiesigen kritischen Auffassung hat die kirchlich-katholische Glorifizierung und Mystifizierung Marias keine reale Grundlage. Sie dient erkennbar allein dem Zweck, die schon in der Antike umstritten gewesene Jungfernzeugung durch den Heiligen Geist, abzusichern. Der Grat zwischen Verehrung und Anbetung ist so schmal, dass in den meisten Fällen überhaupt kein Unterschied feststellbar sein dürfte. So kann Verehrung anbetend sein, und umgekehrt Anbetung verehrend. Wäre Jesus direkt durch den Heiligen Geist als Gottes- und Menschensohn gezeugt worden, so hätte es nach unserer Erkenntnis keiner Taufe Jesu am Jordan bedurft, und ebenso wenig einer sich ummittelbar daran anschließenden 40-tägigen Erprobung Jesu in der Wüste. Bezeichnenderweise waren es erst diese Ereignisse im Leben Jesu gewesen, die ihm seine Selbst-Erkenntnis von der personalen Einheit allen Seins brachte, die wiederum ihn dazu veranlasste, mit seiner erst dadurch motivierten Mission zu beginnen. Richtiger und wichtiger als alle Marienverehrung damals und heute, wäre es gewesen, dem Menschen- und Gottessohn das zuzugestehen, als was er sich im Thomasevangelium verkündet hatte: Nämlich das Universum in Person zu sein. Doch ist bekannt, dass mit allen anderen Aussagen Jesu im Thomastext, die Kirche sich und ihre Lehren gründlich zu reformieren hätte. Das aber will sich offenbar die Organisation nicht antun.
Romano Guardini (katholischer Theologe, 1885-1965) war ein Meister der Interpretation, wie man denn am folgenden Zitat-Beispiel schön sehen kann. Hierbei handelt es sich nun um ein Kapitel über die Mutter Jesu aus seinem literarischen Hauptwerk "Der Herr". Seine Fähigkeiten des Hineindenkens sowie Nachempfindens waren bei ihm augenscheinlich hoch entwickelt gewesen. Seine ungezwungen wirkende Frömmigkeit diente ihm wohl als Triebfeder. Natürlich wissen wir nicht, was all die biblischen Personen fühlten und dachten. Doch aus dem wenigen Überlieferten, das zudem von den Experten als Fiktion - oder weniger dramatisch als eine Legende - gesehen wird, zeichnete R. Guardini ein zauberhaftes Bild vom Wesen Marias. Was dabei nun eher wahrscheinlich und was eher unwahrscheinlich sein könnte, soll hier der Beurteilung des Lesers überlassen bleiben. Jedenfalls sind die Ausführungen des Theologen zur Mutter Jesu weitgehend schlüssig, weshalb es nicht schwer sein dürfte, die Schilderungen nachzuvollziehen. Wäre ja auch schön, wenn tatsächlich alles so gewesen wäre, wie von ihm dargelegt worden war.
Romano Guardini: Will man einen Baum in seiner Art verstehen, dann blickt man in die Erde, in der seine Wurzeln liegen, und aus welcher ihm der Saft in Stamm und Geäst, Blüte und Frucht steigt. So ist es wohl gut, in den Boden und Grund zu blicken, aus welchem sich die Gestalt des Herrn erhebt: Maria, seine Mutter. Es wird uns berichtet, sie sei von königlichem Blut gewesen. Jeder Mensch ist etwas Einziges, einmal und für sich; in sein Eigentliches, wo er vor sich selbst und vor Gott steht, reichen die Zusammenhänge, aus denen er kommt, nicht hinein. Hier ist nicht Wenn oder Weil, »nicht Jude noch Grieche, nicht Freier noch Knecht« (Gal 3, 27-28). Das ist wahr; aber das Große, und etwas Letztes in Allem, auch dem Kleinsten, hängt doch davon ab, ob ein Mensch von edler Art ist. Sehr edle, königliche Art ist es gewesen, wie Maria auf den Anruf des Engels erwiderte. Etwas Ungeheures trat da an sie heran. Was von ihr gefordert wurde, hieß, sich Gott anvertrauen ins Dunkle hinein. Das hat sie in einer schlichten, ihrer selbst unwissenden Größe getan. Ein gutes Teil dieser Größe ist ihr gewiss aus dem angeborenen Adel ihres Wesens gekommen.
Und nun bildet sich ihr eigenes Schicksal an dem ihres Kindes. Es beginnt sofort und geht dann immer weiter: Wie das Schmerzliche zwischen sie und ihren Verlobten tritt.. wie sie nach Bethlehem geht, und dort in Not und Armut ihrem Kinde das Leben schenkt .. wie sie fliehen und in der Fremde leben muss, aus der Geborgenheit gerissen, in der sie bis dahin gewesen; unstetig und von Gefährlichkeiten bedroht, bis sie wieder heim darf. Als dann ihr Sohn, zwölfjährig, im Tempel zurückbleibt, und sie ihn nach angstvoll intensivem Suchen wiederfindet, scheint ihr zum ersten Mal die göttliche Fremdheit dessen offenbar zu werden, was da in ihrem Leben steht (Lk 2, 41-50). Auf den ganz gewiss verständlichen Vorwurf: »Kind, warum hast Du uns das getan? Sieh, Dein Vater und ich suchen Dich mit Schmerzen!«, antwortete der Knabe: »Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass Ich im Hause meines Vaters sein muss?« Da muss sie wohl geahnt haben, dass nun kommen werde, was Simeon ihr geweissagt hatte: »Deine Seele aber wird ein Schwert durchdringen.« (Lk2, 35) Denn was heißt das doch, wenn ein Kind in einem solchen Augenblick mit einer fraglosen Selbstverständlichkeit der verängstigten Mutter antwortet: Warum hast du mich gesucht? Wir wundern uns nicht, wenn es im Bericht weiter heißt: »Sie aber verstanden das Wort nicht, das Er zu ihnen sprach.« Dann aber gleich: »Seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen auf.« Nicht »verstehend«, wir haben es ja gehört; den Worten, dem Geschehen nicht gewachsen mit der Ebenbürtigkeit der Durchschauung, wohl aber mit der Ebenbürtigkeit der Tiefe und des Grundes, so wie die Erde einen kostbaren Samen in sich hereinnimmt, dass er in ihr wachsen kann.
Achtzehn Jahre der Stille folgen. Über sie wird im heiligen Bericht nichts Näheres gesagt. Aber zum offenen Ohr redet das Schweigen der Evangelien mit Macht. Achtzehn volle Jahre der Stille, dahingehend »in ihrem Herzen« .. Nichts weiter wird darüber gesagt, als dass das Kind »ihnen Untertan war«, und »zunahm an Weisheit, Alter und Gnade vor Gott und den Menschen«. Stilles, tiefes Geschehen, von der Liebe dieser heiligsten aller Mütter umfangen. Dann verlässt Er die Heimat und geht in seine Sendung. Aber auch da ist sie um Ihn. So am Anfang auf dem Hochzeitsfest zu Kana, wo gleichsam noch eine letzte Gebärde mütterlicher Hut und Weisung sichtbar wird (Joh 2,1-11) .. Ein andermal ist ein missverstehendes, beunruhigendes Gerücht nach Nazareth gekommen, und sie macht sich auf, sucht Ihn, steht angstvoll vor der Türe (Mk 3,21. 31-35) .. Und abermals ist sie bei Ihm in den letzten Tagen und harrt unter dem Kreuze aus (Joh 19, 25). Das ganze Leben Jesu wird von der Nähe seiner Mutter umfangen. Das Stärkste ist ihr Schweigen.
Es gibt ein Wort, das uns zeigt, wie tief der Herr mit ihr verbunden war. Da steht Er mitten unter der Menge und redet. Plötzlich erhebt eine Frau ihre Stimme: »Selig der Schoß, der Dich getragen, und die Brüste, die Dich genährt!« Und Jesus erwidert: »Ja, selig sind die, die das Wort Gottes hören und es befolgen.« (Lk 11, 27-28) Ist das nicht, als sei Er mit einmal fort aus dem lärmenden Gedränge? Als gehe es wie ein tiefer Glockenton durch seine Seele, und Er sei in Nazareth und fühle seine Mutter? Im übrigen aber - wenn wir die Worte betrachten, die Jesus zu seiner Mutter spricht, und sie so, wie sie aus der Situation kommen, auf uns wirken lassen, dann ist es jedes mal, als ob sich zwischen Ihm und ihr eine Kluft auftue. Damals in Jerusalem - Er war doch ein Kind; war ohne ein Wort weggeblieben, zu einer Zeit, da die Stadt von Pilgermassen aus allen Ländern erfüllt war, und nicht nur Unfälle, sondern auch Gewalttätigkeiten jeder Art befürchtet werden mussten! Da hatte sie doch gewiss ein Recht, zu fragen, warum Er das getan habe. Er aber erwidert mit Staunen: »Warum habt ihr mich gesucht?« Wenn uns etwas erwartet kommt, dann der nächste Satz des Berichtes: »Sie aber verstanden das Wort nicht, das Er zu ihnen sprach.« Zu Kana in Galiläa sitzt Er mit der Hochzeitsgesellschaft zu Tisch. Es sind offenbar kleine Leute, die nicht viel haben. Der Wein geht aus, und alle fühlen die nahende Peinlichkeit. Da wendet sie sich bittend an Ihn: »Sie haben keinen Wein mehr!« Er aber: »Frau, was habe Ich mit dir zu tun? Meine Stunde ist noch nicht gekommen!« Was heißt das anderes als: woraus Ich zu handeln habe, ist meine Stunde; der Wille meines Vaters, wie er aus jedem Augenblick zu mir spricht: nichts sonst .. Gleich nachher hilft Er freilich, aber deshalb, weil eben jetzt - die Art, wie Gottes Weisung an die Propheten ergeht, sie von einem Augenblick zum anderen anruft, mag uns zum Verständnis helfen - »seine Stunde« gekommen ist (Joh 2,1-11).
Wie sie dann von Galiläa herunterkommt, Ihn zu suchen, Er aber lehrend in einem Hause weilt, und sie Ihm sagen: »Sieh, Deine Mutter und Deine Brüder und Deine Schwestern sind draußen und suchen Dich« - da fragt Er: »<Wer ist meine Mutter, und wer meine Brüder?> Und Er blickte die an, die im Kreis um Ihn saßen und sprach: <Siehe, meine Mutter und meine Brüder! Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder und Schwester und Muttern« (Mk 3, 31-35) Und wenn Er auch gewiss nachher zu ihr gegangen ist und ihr alle Liebe erwiesen hat, das Wort steht doch da, und wir fühlen das Erschütternde dieser Gegenfrage, in welcher die unendliche Ferne deutlich wird, aus der Er lebt. Ja selbst jenes Wort, das wir oben als Ausdruck von Nähe verstanden haben, könnte noch Ferne bedeuten: »Selig der Schoß, der Dich getragen, und selig die Brüste, die Dich genährt« -» Nein! Die das Wort Gottes hören und es tun, die sind selig!«
Wie es aber am Kreuze zu Ende geht, und unten seine Mutter steht, hingespannt in der ganzen Qual ihres Herzens, und auf ein Wort wartet - da sagt Er zu ihr, auf Johannes blickend: »Frau, sieh dort deinen Sohn.« Und zu dem Jünger: »Sieh dort deine Mutter« (Joh 19, 26-27). Darin war gewiss die Sorge des sterbenden Sohnes, aber ihr Herz hat doch vor allem das Andere herausgefühlt: »Frau, sieh dort deinen Sohn!« Er weist sie von sich fort. Er steht ganz in der »Stunde«, die nun »gekommen« ist, groß, schrecklich, alles fordernd. Ganz in der äußersten Einsamkeit, mit der Sünde, die auf Ihn gelegt ist, vor der Gerechtigkeit Gottes. Maria war immer bei Ihm. Alles, was Ihn betraf, hat sie mitgelebt; ihr Leben war ja das seine. Aber nicht in der Weise des eigentlichen Verstehens; die Schrift sagt es sehr deutlich: »Das Heilige«, von welchem die Botschaft des Engels redet (Lk l, 35) - wie voll vom Geheimnis und von der Ferne Gottes ist dieses »Das« - ist direkt zu ihr gekommen. Ihm hat sie alles gegeben, ihr Herz, ihre Ehre, ihr Blut, ihre ganze Liebeskraft. Sie hat es umfangen, aber es ist über sie hinausgewachsen; immer höher über sie hinaus. Eine weite Ferne hat sich um ihren Sohn aufgetan, welcher »das Heilige« war. Aus der lebt Er, ihr entrückt. Das Letzte hat sie gewiss nicht verstehen können. Wie hätte sie es auch verstehen sollen, das Geheimnis des Lebendigen Gottes! Aber sie hat vermocht, was auf Erden christlich wichtiger ist als das Begreifen, und was nur aus der gleichen Kraft Gottes heraus vollbracht werden kann, die zu ihrer Zeit auch das Begreifen gibt: sie hat geglaubt; und zu einer Zeit, als sonst, im eigentlichen und vollen Sinne des Wortes, wohl noch keiner glaubte.
Wenn etwas ihre Größe offenbart, dann der Ruf ihrer Verwandten: »Selig bist Du, dass Du geglaubt hast!« (Lk l,45) Es umfasst die beiden anderen Worte: »Sie aber verstanden das Wort nicht, das Er zu ihnen sprach« - und wieder: »Maria bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen auf« (Lk 2, 50, 51). Maria hat geglaubt. Und sie hatte diesen Glauben immer neu aufzurichten. Immer stärker, immer härter. Ihr Glaube war größer, als je ein Mensch ihn gehabt hat. Abraham steht da mit der furchtbaren Erhebung seines Glaubens; aber von ihr war wesentlich mehr gefordert als von Abraham. Denn »das Heilige«, welches aus ihr hervorgegangen war, das von ihr wegwuchs, über sie hinaustrat und, ihr entrückt, aus unendlicher Ferne lebte: an dessen Größe nicht weiblich irre zu werden, da sie es doch geboren und genährt und in all seiner Hilflosigkeit gesehen hatte .. aber auch nicht irre zu werden in ihrer Liebe, als es ihre Hut hinter sich ließ .. und von alledem zu glauben, dass es so recht sei und der Wille Gottes sich darin erfülle .. nicht nachzulassen, nicht klein zu werden, vielmehr auszuharren und jeden Schritt, den die Gestalt des Sohnes in ihrer Unbegreiflichkeit tat, aus der Kraft des Glaubens mitzutun - das war ihre Größe.
Jeden Schritt, den der Herr in sein Gottesschicksal hinein getan hat, hat Maria mitgetan, aber im Glauben. Das Begreifen aber hat ihr erst Pfingsten gebracht. Da hat sie alles das »verstanden«, was sie bis dahin glaubend »im Herzen bewahrt hatte«. Durch diesen Glauben steht sie näher neben Christus und tiefer im Werk der Erlösung, als durch alle Wunder der Legende. Die Legende kann uns mit ihren lieblichen Bildern erfreuen, aber leben können wir aus ihr nicht; am wenigsten dann, wenn es ums Eigentliche geht. Von uns wird gefordert, dass wir im Glauben mit dem Geheimnis Gottes ringen und mit dem bösen Widerstand der Welt. Kein freundlich dichtendes, sondern ein hartes Glauben ist uns auferlegt - vollends in einer Zeit, da die sänftigenden Zauber von den Dingen fallen, und gar überall die Widersprüche aufeinanderstoßen. Je reiner wir die Gestalt der Mutter des Herrn aus dem Neuen Testament heraus verstehen, desto Größeres geht uns für unser Christenleben, wie es wirklich ist, auf. Sie ist Jene, die den Herrn mit ihrer lebendigen Tiefe umfangen hat; durch sein ganzes Leben hin und noch im Tode. Immer wieder musste sie erfahren, wie Er, vom Geheimnis Gottes her lebend, ihr entwuchs. Immer wieder hob Er sich über sie hinaus, so dass sie den Schnitt des »Schwertes« spürte (Lk 2, 35); aber immer wieder hob sie sich im Glauben Ihm nach und umfing Ihn neu. Bis Er zuletzt nicht einmal mehr ihr Sohn sein wollte. Der Andere, der neben ihr stand, sollte es nun sein. Jesus stand allein, droben, auf dem schmälsten Grat der Schöpfung, vor Gottes Gerechtigkeit. Sie aber nahm im letzten Mit-Leiden die Trennung an - und stand, gerade darin, im Glauben, wieder neben Ihm. Ja, wahrlich, »selig Du, dass Du geglaubt hast!«
Romano G. hat es hier schon angesprochen: Das Verhältnis von Maria und Jesus, von Mutter und Sohn. Diesem Thema wollen wir uns daher im nächsten Abschnitt der Edition etwas näher widmen. Denn aus der Psychologie wissen wir ja, dass dieses Verhältnis nicht unproblematisch sein kann. Insbesondere dann, wenn ein Sohn in Allmacht das Universum verkörpert, und dies nicht auf mütterliches Erbe oder eine dahingehende Beeinflussung zurückgeführt werden kann, so dass sich da fast automatisch eine tiefe Kluft in der ansonsten innigen Beziehung auftun muss. Es ist der ehrfürchtigen Frömmigkeit Guardinis zuzuschreiben, dass er jene von ihm selbst erwähnten Dissonanzen zwischen Jesus und Mutter Maria nicht näher untersucht hatte, sowie für weitere wichtige Erkenntnisse auswertete. Das entschuldbare Versäumnis Romano Guardinis führt nun dazu, dass dies hier im folgenden Abschnitt noch nachzuholen ist.
Die von Guardini genannte Kluft in der Beziehung von Jesus und Maria, von Sohn und Mutter, tat sich erst so richtig mit Beginn von Jesu Mission auf. Zwar liefert uns die Schrift schon mit dem zwölfjährigen Jesus und seinem selbständigen Besuch des Jerusalemer Tempels einen ersten Hinweis auf eine beginnende familiäre Loslösung Jesu. Aber ansonsten ist eben bis zu Beginn von Jesu öffentlichem Wirken nichts weiteres Ungewöhnliches im Verhältnis Jesu zu seiner Familie und insbesondere seiner Mutter Maria dargetan. Wenn wir verstehen wollen, wie Jesus ein so distanziertes Verhältnis zu seiner Mutter entwickeln konnte, so müssen wir uns die absolute Priorität im Leben Jesu vergegenwärtigen. Und das ist wie bereits vom zwölfjährigen Jesus bekundet, sein außerordentliches Verhältnis zum Herrn, dem einen Gott, als dem Universum in Person. Wenn Maria tatsächlich vom Heiligen Geist in Jungfräulichkeit befruchtet worden wäre, und die Engelgeschichte etwas Wahres enthielte, dann hätte Maria beständig bewusst gewesen sein müssen, wen und was sie da in die Welt gesetzt hatte. Ihr hätte klar sein müssen, dass ihr Sohn eigentlich nicht ihr gehört, sondern dem Universum in Person, und dass es darum ihre Aufgabe ist, alles von Ihrer Seite Beizutragende Jesus angedeihen zu lassen. Dies war offenbar nicht geschehen. Maria hatte wohl unterlassen, Jesus in seinem Werdegang der Selbst-Findung und -Werdung begleitend zu unterstützen. Sie ist damit ihrer kirchlich behaupteten Rolle als Gottesmutter offensichtlich nicht gerecht geworden. Denn welchen Grund sollte Jesus sonst gehabt haben, eine sowohl innerliche wie auch äußerliche Distanz zu seiner geliebten Mutter aufzubauen. Gerade weil Jesus seine Mutter so sehr liebte, war ihm ihr spirituelles Scheitern so sehr nahe gegangen, dass er nur noch eine Möglichkeit sah, seiner Mutter dies bewusst zu machen. Und das ist wie wir alle wissen, stets eine die Betreffenden aufrütteln sollende Abstandnahme zu ihnen im personalen Verhältnis.
Bei der Frage, warum Maria trotz angeblicher Verbindung zum Herrn, ihrem dem Herrn geweihten Sohn keine spirituelle Hilfe sein konnte, erklärt sich das zum Einen damit, dass es keinen Engel und keine Jungfernzeugung gegeben hatte. Und zum anderen war Jesus nicht ihr einziges Kind gewesen. Den Schriften gemäß hatte sie noch weitere Kinder, bzw. Jesus auch noch Brüder und Schwestern. Wir können im Hinblick auf Wahrscheinlichkeiten davon ausgehen, dass wenn Maria die vom Herrn Auserwählte gewesen wäre, sie dann voll und ganz in den spirituellen Dienst an Jesus gestellt gewesen wäre. Der Herr hätte sich in Maria übersetzt gehabt, um Jesus in all seinen Bestrebungen voll und ganz zu unterstützen. Weitere "gewöhnliche" Geschwister hätte der Herr in gleicher Weise zu verhindern gewusst, wie er ja Maria zuvor ihr absolut außergewöhnliches Kind ermöglicht hatte. Es ist schließlich allgemein bekannt, dass Spitzenbegabungen wie bei denen von Wunderkindern ein sie förderndes kreatives Umfeld zu ihrer Entfaltung benötigen. Eine gewöhnliche familiäre und schulische Umgebung muss da auf sie hemmend und kontraproduktiv wirken. Wenn also ein außergewöhnliches Kind in einem gewöhnlichen Umfeld aufwachsen muss, dann wird es mit zunehmendem Alter und reifendem Bewusstsein eine erforderlich werdende Distanz zu seiner Hemmvergangenheit samt aller Attribute aufbauen. Und wenn es sich seiner Außergewöhnlichkeit voll bewusst geworden ist, wird es die Distanz auch zur Konsequenz bringen. Jesus sagte sich so nach der ihn nach 40-tägigem Wüstenaufenthalt vollendenden Selbst- und Gott-Findung von allen innerlichen seelischen Hemmfesseln der Vergangenheit los, einschließlich seiner von ihm so geliebten Mutter Maria. Mit den beiden folgenden Bibelversen kommt das sehr deutlich zum Ausdruck:
Mt 10,37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Mt 10,38 Und wer nicht sein Kreuz nimmt und mir nachfolgt, der ist meiner nicht wert.
Was wird nun mit den Versen quasi zwischen den Zeilen gesagt? Als erstes einmal, dass gemäß dem Gottesgebot vom Sinai Vater und Mutter zu lieben sind, ebenso wie auch Sohn und Tochter. Zum anderen allerdings geht diesem Gebot das gleichfalls dort erlassene Gebot der Liebe zu Gott dem Herrn vor. Genau genommen vom reinen Wortlaut her, geht es Jesus um eine familienbezogen gleichwertige Liebe zu ihm. Die Familie soll geliebt sein und bleiben, und Jesus will wie ein solches Familienmitglied entsprechend geliebt sein. Wenn aber eine Wahlentscheidung zwischen Familie und Jesus getroffen werden müsste, so wäre denn hier Jesus der Vorzug zu geben. Denn von seiner Gegenliebe als der Selbst- und Gottesmittler hängt ja das je persönliche Heil ab. Im Endeffekt ist jedoch jeder Mensch vor die Wahl zwischen Familie und Jesus gestellt, weil die Familie alltagsgemäß immer materielle Welt repräsentieren wird, wohingegen eben Jesus für spirituelle Selbstverwirklichung steht, was unausweichlich in die Konfrontation führt. Diese Konfrontation konnte Jesus am Beispiel seiner Familie und insbesondere dem seiner Mutter Maria deutlich machen. Es gibt nun einmal von Natur aus keine innigere persönliche Beziehung als eben der von Mutter und Kind. Dort ist die zu erlangende persönliche und spirituelle Freiheit gegebenenfalls unter Opfern zu erkämpfen und zu verteidigen. Dort wird dann ebenso naturgemäß die Wahlentscheidung am härtesten sowie die Kluft am tiefsten sein. Deshalb ist nun die Frage berechtigt, ob Maria sich im Verlauf der Öffentlichkeit Jesu aus ihrer mütterlich einnehmenden Subjektivität lösen konnte, und in Anerkennung des Universalanspruchs ihres Sohnes zu einem entsprechend objektiven gegendistanzlichen Verhältnis finden konnte. Dafür scheint es sichere Anzeichen zu geben, nachdem Jesus gestorben und wieder auferstanden war. Auch ihr war es wohl wie den Jüngern Jesu ergangen, die zu Jesu Lebzeiten nicht begriffen hatten, wer und was da bei ihnen anwesend war. Erst nach Jesu Auferstehung und mit vermehrten Sichtungen des Auferstandenen begann da bei Einigen das Verstehen der universalen Person Jesu Christi, obschon auch nur ansatzweise.
Denn erst in unseren Tagen wird immer deutlicher, was "Universum in Person" in Wirklichkeit bedeutet. Dabei geht es um denjenigen, welcher wegen seiner in der Selbst-Findung und -Werdung erlangten Deckungsgleichheit zum All die in entsprechender Universalität sodann immer einheitlich unsterblich lebendige und allmächtige Person der Ewigkeit ist.
Bei Maria Himmelfahrt handelt es sich um ein Dogma jüngeren Datums der Katholischen Kirche. Dieses Dogma gibt es also ausschließlich nur beim Vatikan, ebenso wie das jüngste Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Dass nun der sterbliche, allen Widernissen dieser Welt ausgesetzte Mensch niemals unfehlbar sein kann, das ist jeder vernunftbegabten sowie lebenserfahren erwachsenen Person sonnenklar. Mit dem Dogma der Unfehlbarkeit sollte zumindest jedes andere vom Vatikan erlassene Dogma gegen jegliche Kritik und Anfechtung abgesichert werden. Und dabei insbesondere wohl das Dogma von Marias Himmelfahrt. Bei der Frage, warum es dieses Dogma nur bei der Katholischen Kirche und sonst bei keiner anderen Kirche oder Sekte gibt, so ist hier die Antwort sehr einfach, weil es nämlich der Schrift zufolge keine Himmelfahrt der Maria geben kann. Denn von Jesus selbst wissen wir, dass nur der in den Himmel aufgestiegen ist, der von dort herab gekommen war. Und Maria war ganz irdisch eben nicht vom Himmel auf die Erde gekommen.
Joh 3,13 Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen, außer demjenigen, welcher aus dem Himmel herabgestiegen ist, des Menschen Sohn, der im Himmel ist. Joh 6,50 dies ist das Brot, das vom Himmel herabkommt, auf dass, wer davon isst, nicht sterbe. Joh 6,51 Ich bin das lebendige Brot, vom Himmel herabgekommen. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, welches ich geben werde für das Leben der Welt.
Indem einzigst der Menschensohn vom Himmel herabsteigt, um nach dorthin wieder aufzusteigen, ist das Dogma einer Himmelfahrt von Maria schlichtweg disqualifizierende Schriftverfälschung. Sie überführt den Vatikan samt seiner Päpste der Fehlbarkeit, sowie auch mit jener naiv-dümmlichen Anmaßung einer entehrenden Gotteslästerung. An solch einem gravierenden Beispiel können wir den Wolf im Schafspelz gut erkennen, wie er ja auch schon zu Jesu Lebzeiten in der Jüdischen Kirche und ihrem Synedrion gegen Jesus aktiv geworden war. Anhand dieser Negativbeispiele kann deutlich gezeigt werden, dass der wahre Christ niemals aus seiner Eigenverantwortung entlassen ist. Er hat grundsätzlich immer selbst zu überprüfen und entscheiden was für glaubenswert zu erachten ist, und was besser nicht. Nur dann ist er als Wahrheitssucher aus der Wahrheit, wie es Jesus als zwingend erforderliche Qualifikation für die Seinen sieht.
Mt 7,7 Bittet, so wird euch gegeben; und suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan! Lk 11,9 Und ich sage euch: Bittet, so wird euch gegeben werden; und suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan werden! Joh 14,17 den Geist der Wahrheit, welchen die Welt nicht empfangen kann, denn sie beachtet ihn nicht und kennt ihn nicht; ihr aber kennet ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. Joh 17,24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, dass sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt! Joh 17,9 Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast, weil sie dein sind. Joh 18,37 Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du also ein König? Jesus antwortete: Du sagst es; ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe; jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.
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